Zur Untertitelung türkischer Serien
Türkische Filme bekommen nicht erst seit den zwei Berlinale-Preisen für türkischsprachige Filme in diesem Jahr (Sarı Zarflar/Gelbe Briefe von İlker Çatak und Kurtuluş von Emin Alper) international große Aufmerksamkeit, und die Mediatheken der Streamingplattformen sind voller türkischer Serien. Eigentlich also gute Zeiten für meine Spezialisierung als Untertitlerin: Mit meiner eigenen Untertitelsoftware besetze ich für diese Sprachkombination seit einigen Jahren eine kleine Nische. So fand in diesem Jahr die erste türkischsprachige Eigenproduktion von HBO Max den Weg auf meinen Schreibtisch bzw. meine zwei Bildschirme: die achtteilige Serie Mira – Her Şey Yolundaymış Gibi (Regie und Drehbuch: Meltem Bozoflu). Hier kamen die Herausforderungen des Übersetzens aus dem Türkischen mit seinen komplett anderen grammatikalischen Strukturen und des Untertitelns unter strengen Platz- und Zeitbeschränkungen aufs Schönste und Schwierigste zusammen: Der Screwball-Comedy-Stil vieler Dialoge bietet in der Interaktion von Mimik und Gestik, Text, Bild und Ton quasi den Endgegner der Untertitelübersetzung auf.
Denn anders als beim literarischen Übersetzen „fliegt“ mein deutscher Text nur eine bis sechs Sekunden lang durchs Bild und muss dann neben anderem visuellem und akustischem Input prägnant und schnell erfassbar transportieren, was gesagt wird – oft auch von mehreren Personen im Wechsel oder überlappend. 42 Zeichen pro Zeile habe ich maximal dafür. Also heißt es geschickt kürzen, situativ zusammenfassen, stilistische Wirkung schärfen. Natürlich ist das Präteritum immer kürzer als das Perfekt, aber wenn sich die Filmfiguren gerade zoffen oder bezirzen, irritieren Verben in gestelzt schriftsprachlicher Form. Vielleicht kann man mal einen Eigennamen weglassen, aber wenn sich klar hörbare Satzbestandteile nicht in den Untertiteln wiederfinden, werden die Rezipient*innen irgendwann misstrauisch. Womöglich muss ich auf einen bestimmten Wortwitz verzichten, kann ihn aber nicht einfach anderswo kompensieren, wenn genau an dieser Stelle mit einem Lachen oder entsetzten Gesichtsausdruck darauf reagiert wird. Und bei Szenenwechseln oder Gegenschnitten darf der Untertitel nicht ins neue Bild überhängen, auch wenn das Deutsche vielleicht noch drei Standzeit-Sekunden mehr bräuchte, damit der Text überhaupt lesbar ist. Möglichst nicht mehr als 15 Zeichen pro Sekunde soll die Übersetzung für eine angenehme Lesegeschwindigkeit beanspruchen. Sobald ich darüber hinaustippe, warnt mich meine Software sofort.
Genau diese kreative Bastelarbeit macht mir zum Glück großen Spaß. Für das Englische und Französische habe ich dafür jahrelange Routinen und Kniffe; beim Türkischen fühle ich mich noch, als würde ich Akkordeonspielen lernen. Beim Übersetzen eines türkischen Satzes zieht man erst einmal alles auseinander, denn das Türkische kann als agglutinierende Sprache jede Menge Informationen in eine einzige Verbform packen: Person und Numerus (Personalpronomen sind optional), Tempus, Aktiv/Passiv – eine eigene Silbe kann sogar anzeigen, ob die sprechende Person das Gesagte aus eigenem Erleben oder nur vom Hörensagen kennt. Dazu sind Satzbestandteile wie etwa Relativsätze, die im Deutschen auf das Bezugswort folgen, im Türkischen oft vorgelagert – den Untertitel inhaltlich einigermaßen synchron zum gesprochenen Dialog zu bauen, kann also herausfordernd werden.
Ein – zugegeben extremes Beispiel – ist eine Szene aus der zweiten Folge von Mira, wo die Freundin der Protagonistin gerade einmal zehn Sekunden für folgenden (hier möglichst wörtlich übersetzten) Satz braucht, nachdem Mira sie gefragt hat, warum sie untätig herumsitze:
„Entschuldige mal, könnte es sein, dass ich, damit die Abwesenheit meiner am zweiten Drehtag drei Stunden zu spät ans Set gekommenen Assistentin nicht bemerkt wird, die von ihr zu erledigenden Aufgaben an ihrer Stelle erledigt habe und dadurch eine sehr erschöpfte Art Directorin geworden bin?“ (Hier kann man sich die Szene auf Türkisch ansehen.) Mira daraufhin im Gegenschnitt, nach einer verdatterten Pause: „Nun, könnte es sein, dass ich von der Länge dieses Satzes ein bisschen erschöpft bin?“ Die türkischen Fragen enden jeweils mit dem empörten „könnte es sein?“, dass sie sich ins Gesicht blaffen; diesen rhetorischen (und mimischen) Effekt muss die deutsche Fassung möglichst behalten, gleichzeitig einen möglichst glatt zu lesenden langen Satz auf mehrere Untertitel aufteilen und dafür nur halb so viele Zeichen brauchen wie die Interlinearfassung. Von dem Lese-Stolperstein „Art Directorin“ ganz zu schweigen. Ich beschließe also, vor allem den Ton zu transportieren, in dem der Wortwechsel stattfindet, lasse den Beruf weg, der sich in anderen Szenen der Serie erschließt, und suche ein Lesetempo, das einerseits die Atemlosigkeit des Satzschwalls vermittelt, auf die Mira reagiert, andererseits aber dem deutschen Publikum die Chance lässt, die ganze Aussage zu erfassen:
Entschuldigung.
Weil meine Assistentin am zweiten Tag/drei Stunden zu spät am Set war,
habe ich extrahart gearbeitet,/damit niemand das merkt,
und bin vielleicht ein bisschen müde!
Miras Antwort, für die Übersetzerin nachvollziehbar:
Nach diesem langen Satz/bin ich auch ein bisschen müde!
Die Ziehharmonika wird also wieder zusammengeschoben („müde“ ist fünf Zeichen kürzer als „erschöpft“!), und mit viel Geduld entsteht irgendwann, inşallah, ein munterer, unterhaltsamer Rhythmus ohne schiefe Töne.
Mira – Alles scheint perfekt ist derzeit auf HBO Max zu sehen.

