Zu den größten Vorteilen und Glücksmomenten des Übersetzerinnenlebens gehört der flexible Arbeitsplatz: Mit Laptop und halbwegs stabiler Internetverbindung kann ich von überall arbeiten und habe das auch schon ausgiebig getan, ob in Toronto, Marseille, auf dem bayerischen Dorf oder auf den Istanbuler Prinzeninseln. Trotzdem war es etwas ganz Besonderes, knapp sechs Monate lang eins der neuen Ateliers im Vorgarten des Literarischen Colloquiums Berlin am Ufer des Wannsees nutzen zu dürfen.
In der U7 zwängt man sich noch in die geballte Missmut großstädtischer Pendelströme, doch mit der S1 aus der Stadt hinaus, vorbei an den zu jeder Jahreszeit verführerisch glitzernden oder still verschleierten Seen im Westen, steigt bereits das Urlaubsgefühl. Als wir unsere Arbeitsräume beziehen, liegt alles, See und Garten, der noch hinter Baustellenzäunen versteckte Fährhafen und die Villen ringsum, unter einer Schnee- und Eisdecke. Im Laufe der nächsten Monate kann ich durch die bodentiefen Fenster den Blättern der majestätischen Eiche und Buche und den Rhodondendronblüten beim Wachsen zusehen, eine zutrauliche Krähe über den Rasen wandern sehen (eine Vorbotin des poetischen Audiowalks, der im Juni Einzug auf dem Gelände halten wird) und dem fernen Bimmeln der S-Bahn-Türen und Tuten der Wannseefähre lauschen. Es herrscht eine konzentrierte, behagliche Stille, und gleichzeitig ist der Vibe des literarischen Berlin nur wenige Schritte entfernt, im Haupthaus mit seinen Veranstaltungen, Workshops, Jurysitzungen, gemeinsamen Kaffee- oder Mittagsrunden und internationalen Stipendiat*innen.
Mein persönliches Highlight im Veranstaltungsprogramm, von dem ich in den letzten Monaten profitieren konnte, war die inklusive Comiclesung zur Ausstellung „Immer alles anders“ von Dominik Wendland. Die Live-Bildbeschreibung von Florian Eib und das von Matthias Nagel exzellent moderierte Bühnengespräch waren ein multisensorischer Genuss, den ich so schnell nicht vergessen werde. (Der dazu servierte Cocktail fing die Frühsommer-Abendstimmung auch farblich perfekt ein.)
Zuletzt beschenkte mich die Arbeitszeit am Wannsee sogar mit einer neuen beruflichen Herausforderung – für die Lesung und den Webspace „Literatur in den Sprachen Berlins“ durfte ich zwei hoch literarische Texte aus dem Türkischen übersetzen, die mit einem Stipendium des Berliner Senats für nicht auf Deutsch schreibende Autor*innen ausgezeichnet wurden. In der virtuellen Villa of one’s own lassen sich das Prosagedicht von Gültekin Emre und der Romanauszug von Çağla Arıbal im Original und in meiner Übersetzung nachlesen.
So entspann sich im Verlauf von fünfeinhalb Monaten ein Netz aus Kontakten, Eindrücken und Inspirationen, das sich oft wie eine Hängematte anfühlte, in der ich abseits der Stadt durch die Jahreszeiten baumeln konnte. Ein Gefühl, dass der Fotograf der für diese Website entstandenen Bilder perfekt erkannte, als er für eine der Aufnahmen die Chaiselongue aus unserem Atelier in den Garten trug. Morgen ziehen neue Stipendiat*innen in die Arbeitsräume, und ich freue mich schon jetzt auf kommende Veranstaltungen, für die ich hin und wieder „nach Hause“ an den Wannsee zurückkehren kann.

