Zur Übersetzung des Jugendbuchs „La Cabane“ von Ludovic Lecomte
Gerade einmal 100 Seiten umfasst der schmale Jugendroman La Cabane von Lucovic Lecomte, der in meiner Übersetzung im Februar 2026 unter dem Titel Hundertsiebenundachtzig Tage im Münchner Verlag Mixtvision erschienen ist. Aber diese 100 Seiten haben es in sich: Wir lesen die aus der Ich-Perspektive erzählte Geschichte eines Jugendlichen, der mit einer plötzlichen und für ihn zunächst unerklärlichen Angststörung zu kämpfen hat. Von einem Tag auf den anderen ist es ihm unmöglich, das Haus zu verlassen. Zuweilen nimmt der Text fast die Gestalt eines Prosagedichts an, wenn sich die Panikanfälle des Protagonisten im Schriftbild spiegeln: Willkürliche Einrückungen und Leerzeilen, fragmentarische Sätze, fehlende oder nur sporadische Interpunktion machen den Seelenzustand des Erzählers anschaulich und ahmen seine Unruhe und Orientierungslosigkeit auf der sprachlichen Ebene nach.
Diese Verfahren lassen sich bei der Übersetzung nicht immer eins zu eins übernehmen – wenn die Großschreibung von Verben oder Substantiven im Französischen die orthographischen Regeln bricht und dadurch eine viel größere Signalwirkung hat, müssen für das Deutsche andere Möglichkeiten gefunden werden, Durcheinander zu stiften und Stolpersteine einzubauen. Lange Perioden ohne Satzzeichen können hingegen im Deutschen schnell unübersichtlicher und „falscher“ werden als im Französischen, wo die Strukturierung von Haupt- und Nebensätzen nicht im gleichen Maß über obligatorische Kommata erfolgt. Hier war viel Ausprobieren, Dosieren und Abstimmen mit Lektorat und Korrektorat erforderlich, um einen zwar flatterigen, aber nicht fahrigen Text zu gestalten, der die Lesenden im doppelten Wortsinn mitnimmt.
In der sehr schönen Zusammenarbeit mit der Lektorin stand auch schnell fest, dass sich der Originaltitel nicht übernehmen lässt. „La cabane“, die Blockhütte, bezieht sich hier auf den Begriff „syndrome de la cabane“, mit der in Frankreich im Zuge der Covid-Pandemie eine soziale Anpassungsstörung beschrieben wurde: Wie amerikanische Goldsucher, die nach langen Aufenthalten allein in ihrer Hütte Schwierigkeiten hatten, in die Gesellschaft zurückzufinden, entwickeln manche Menschen soziale Ängste und isolieren sich von der Außenwelt. Im internationalen Kontext war oder ist hier eher von „Cave-Syndrom“ oder eingedeutscht Höhlensyndrom die Rede (auch das aber nicht als wissenschaftlicher oder gar diagnostischer Begriff), sodass ich im Text selbst gelegentlich etwas Gymnastik betreiben musste, um Bezüge auf „Hütten“ (etwa die Baumhütte des Erzählers in seiner Kindheit) auf das Höhlenbild umzustricken. Für den Titel fand sich schließlich die gute Lösung, die im Lauf der Handlung mehrfach thematisierte Dauer der Selbstisolation des Erzählers als Aufhänger zu verwenden: Ob es ihm am 187. Tag gelingt, den mit seiner Therapeutin und den Eltern vereinbarten kleinen Ausflug zur nächsten Straßenecke zu bewältigen, bleibt offen. Wir verlassen dieses kleine, starke Buch in dem Moment, in dem sich der Protagonist zur Tür begibt.
Zu meiner großen Freude ist der Roman mehrfach in Rundfunk und Presse besprochen worden, unter anderem von Dina Netz für Deutschlandfunk Kultur und Jana Magdanz für WDR Online.
Beim Verlag steht zur Begleitung des Buches als Schullektüre ausführliches Unterrichtsmaterial für den Einsatz in Klasse 8 bis 10 zur Verfügung.
Sehr gern komme ich persönlich in Schulklassen und Bibliotheken, um das Buch und die Übersetzungsarbeit in Lesung und Werkstatt für die jugendliche Zielgruppe erlebbar zu machen.
Meine Angebote im Rahmen der Jungen Weltlesebühne für die Klassen 7–13 finden sich hier.

